Falsche Opfer

In der Praxis treten vereinzelt vorgebliche Opfer auf. Es wird in diesem Zusammenahng von einem so genannten Falschen-Opfer-Syndrom ("false victimization syndrome") gesprochen. Hierbei handelt es sich um Menschen, die aus verschiedenen Gründen die Rolle des Stalking-Opfers einnehmen, es de facto aber nicht sind.

Aus folgenden Gründen ist wichtig diese Fälle zu erkennen:

  • Kraft, Zeit und Geld der Beratungseinrichtung werden gebunden. Diese Ressourcen stehen dann in  De-facto-Fällen nicht  mehr zur Verfügung
  • Die Glaubwürdigkeit echter Opfer wird untergraben
  • Unschuldige Personen werden verdächtigt
  • Vorgebliche Opfer wenden sich teilweise so intensiv an Beratungseinrichtungen, dass diese sich wiederum belästigt fühlen

 

In der Literatur werden fünf Typen vorgeblicher Stalking-Opfer unterschieden:

  1. Täter beziehungsweise Täterinnen, die sich als Opfer ausgeben
    Der Stalker zeigt beispielsweise das Opfer an und behauptet von ihm verfolgt, belästigt und bedroht zu werden.
  2. Wahnerkrankte
    Sie stellen eine große und leicht zu identifizierende Gruppe. Häufig überschreiten ihre Schilderungen Menschenmögliches. So berichten sie zum Beispiel über eine Mehrheit von Tätern und/oder Täterinnen, die unglaubliche technische Möglichkeiten haben und gigantische Verschwörungsnetzwerke aufbauen.
  3. Ehemalige Opfer
    Aufgrund einer ehemaligen Viktimisierung ist die Person hypersensibilisiert und deutet sozialadäquates Verhalten falsch.
  4. Artifizielle Opfer
    Die Personen täuschen physische und/oder psychische Symptome vor, um als Stalking-Opfer zu gelten. Sie ziehen einen emotionalen Gewinn aus der Rolle des Opfers.
  5. Simulierte Opfer
    Simulierte Opfer erzielen einen materiellen Gewinn aus der Opferrolle, zum Beispiel finanzielle Hilfen oder den für sie positiven Ausgang einer Gerichtsverhandlung.

 

Vorgebliche Opfer dürfen in der von ihnen eingenommenen Opferrolle nicht unterstützt werden. Sie sollten auf keinen Fall an Selbsthilfegruppen teilnehmen. Der Berater oder die Beraterinn muss je nach Situation vorsichtig vermitteln, dass er oder sie in diesem Beratungsangebot nicht unterstützt werden kann. Ein Verweis an geeignete, möglichst niedrigschwellige Angebote ist angebracht. Die Reaktionen hierauf können, besonders bei Personen mit einer wahnhaften Störung, sehr drastisch und verzweifelt sein, da diese in ihrer subjektiven Wahrnehmung verfolgt werden.

Abschließend muss betont werden, dass die Mehrzahl der Opfer echt ist. Vorgebliche Opfer stellen nur eine kleine Gruppe, an die in der Beratung aber immer auch gedacht werden muss.

 

Quelle. u.a.Materialien zur Gleichstellungspolitik - Stalking-Handreichung für die Beratung, BMFSFJ Nr. 104/2005